Warum die Online-Uni für mich als Adhslerin so schwierig ist.

Die Zeit, die schon immer gegen mich zu spielen schien, hatte sich nun noch mehr gegen mich verschworen. Sie war von einer zeitlosen Ungewissheit in ein Rasen übergegangen.

Alles verschwimmt an mir vorbei; ich komme nicht mehr hinterher. Es ist, als müsste ich wieder auf ein immer schneller fahrendes Karussell aufspringen. Ein Karussell, das vor ein paar Sekunden noch langsam und gemächlich lief.

Und dann muss ich mich auch noch für einen Waggon entscheiden. Aber jeder Waggon scheint doch so wichtig, jeder Waggon sollte als erstes bestiegen und ausgekostet werden.

Aber ich starre nur. Ich starre auf all die Farben die sich immer mehr und mehr vermischen. Manchmal erhasche ich einen kleinen Blick auf etwas, etwas mit Form; ich kann mich gerade noch daran festhalten, nur um im nächsten Moment wieder bei noch vollerer Fahrt aus diesem Karussell herausgeschleudert zu werden.

Sokönnte man beschreiben, wie es mir zurzeit geht. Das Karussell ist für michnicht zu fassen. Und es besteht aus Zoom-Meetings und Online-Angeboten. Ichstecke irgendwie immer noch in einer nicht-virtuellen Welt von davor. Das, wasam Wichtigsten in meinem Leben ist, findet jetzt online statt. Und es überfordertmich heillos.

Nacheiner ganzen Weile neu aufflackernder Depressionen mit Versinken undSelbstzerstörung, schaffe ich es nach und nach, mich wieder hochzuziehen.Motivation und Abgründe liegen in diesen Tagen so nah beieinander, dass ichsogar selbst nicht sagen kann, wie es mir eigentlich geht. Das Einzige was ichsagen kann ist: Ich hetze allem hinterher, komme nicht wirklich zur Ruhe undspüre mein ADHS so bewusst wie noch nie.

Hiermachen wir mal ein kleinen (holprigen) Ausflug in die Neurobiologie der ADHS:Bei einer ADHS baut sich das Dopamin im Gehirn viel schneller ab, als beineurotypischen Menschen. Und Dopamin regelt so Einiges; darunter auch dieStabilität der Stimmung, sowie die Motivation und auch die Konzentration. Auchdas Noradrenalin, welches ebenfalls die Motivation fördern soll und dessenMangel Gedächtnisstörungen hervorrufen soll, ist nicht ausreichend an richtigerStelle vorhanden.

Kurzkann man dazu sagen, dass ein Zusammenspiel dieser Botenstoffe im Gehirnbeeinträchtigt ist.

Undgenau so fühlt sich mein Kopf generell an. Wenn ich bewusst darüber nachdenke,fühlt sich mein Gehirn manchmal so an, als wäre es einfach eine Menge anLegosteinen, die immer wieder neu zusammengesetzt werden, nur fällt es mirmanchmal schwer, diese Legosteine richtig zu ordnen. Und gerade liegen dieseLegosteine einfach nur verteilt herum und versuchen ein sinnvolles Konstrukt zuerrichten, was nicht wirklich gelingt.

Esfällt mir schwer Prioritäten zu setzen, sowieso schon. Jetzt gerade kann ich eswirklich gar nicht mehr. Ich schreibe ständig neue Zettel und Listen; ständigkommt etwas Neues drauf, etwas Unerledigtes runter. Manches wird vergessen.

„Achja, da war doch was!“, war ein Satz, den ich zu oft gedacht habe, die letztenWochen. Ein Seminar habe ich bereits abgebrochen.

Mirfehlt eine Abgrenzung. Da ist vielleicht mein Nebenjob, aber das war es auchschon. Ich hatte nie eine Tagesstruktur, aber eine Art Wochenstruktur. Und dielebte unter anderem davon, dass ich für Vieles meine Wohnung verlassen musste. Undauch ohne großartig viel Planung und Aufschreiben (meinen Kalender habe ichleider sehr schnell wieder schleifen lassen), hat alles einigermaßenfunktioniert. Auch, weil ins Seminar laufen eine Art ‚Event‘ war. Jetzt mussich einfach nur noch auf einen Link klicken.

Währendich damit beschäftigt bin, ständig darüber nachzudenken, was ich wann tunsollte und was jetzt wichtig wäre, rauscht alles irgendwie an mir vorbei undgeht ohne mich weiter. Meine Botenstoffe sorgen zu gerne dafür, dass sie eineVerpflichtung zu einem freiwilligen Event machen. Mein Gehirn scheint auchirgendwie generell sehr schwer zu begreifen, dass Zoom-Meetings tatsächlicheine ernste Sache sind und Präsenzveranstaltungen ersetzen.

Aberdas ist alles nicht so schlimm, wenn man die Gefühle, die dadurch entstehen,außer Acht lässt. Vor allem, die, die durch die Vorwürfe entstehen, die mansich selbst macht.

Du kannst nicht einfachmal auf einen Link klicken? Du warst letztes Semester auch fähig dazu, einfachmal einen Text zu lesen? Warum packst du das jetzt nicht? Und warum vermeidestdu alle Online-Meetings, die sich vermeiden lassen? Es war nie so schlimm, wiedu es dir vorgestellt hast! Wieso guckst du nicht einfach diesen interessantenStream? UND WARUM HAST DU IN FREIEN ZEIT NICHT EINFACH GESCHRIEBEN? SO WIE DASALLE, DIE GERNE SCHREIBEN MACHEN?

Ichkönnte ewig so weiter machen. Ich fühle mich nach langem wieder, als hätte manmich in meine Teenager-Zeit zurückversetzt, die hauptsächlich von zwei Fragenan mich selbst geprägt war: Warum bin ichso? und Warum mach‘ ich es nichteinfach?

Zusammenmit dem Gefühl, ständig etwas zu verpassen (das auch so bei mir gerne ab und zuvorhanden ist), verbindet es sich zu einer Art Gedankenwand in meinem Kopf, diefür meine mentale Gesundheit nicht wirklich förderlich ist und mich auf derStelle treten lässt.

Undauch wenn man meinen möge, eine Adhslerin sei flexibel, weil sich die Symptomedanach anhören, ist eher das Gegenteil der Fall: es ist wahnsinnig schwer,Strategien, die wirklich funktioniert haben, in kürzester Zeit umzudenken. Esbenötigt viel Zeit, wieder Mechanismen zu finden, die sich gut anfühlen undauch der ADHS gerecht werden (ich habe die Befürchtung, bis dahin ist dieOnline-Uni wieder Geschichte).

Eigentlichkann man sagen, Online-Uni ist für AdhslerInnen, als würde man eineAlkoholikerin oder einen Alkoholiker in einen Schnapsladen setzen und ihmsagen, er solle kontrolliert trinken – es kann nicht wirklich gut gehen.

Ichversuche mein Bestes. Es ist schwierig mir das selbst zu glauben, es istschwierig, mir selbst zu sagen, dass es schon okay ist, denn ich muss auch nochgegen eine Horde zickiger Botenstoffe ankämpfen, die bei den meisten Menschendas tun, was sie eigentlich tun sollten.

Esist die Akzeptanz dessen, die es leichter macht und diese Akzeptanz ist schwerzu erlernen. Und wie schwer es ist, merkt man erst in Ausnahmesituationen, dieeinen wieder ins Straucheln bringen. Das ist gewiss.

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Der Alkohol und wir - eine toxische Beziehung.

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Das "Irgendwie"-Semester.